Der Freistaat Thüringen mit seinen vielfältigen Lebensräumen und außergewöhnlichen Artenvorkommen trägt eine besondere Verantwortung für den Schutz, die Entwicklung und die langfristige Sicherung der Biodiversität. Gleichzeitig zeigt sich in Deutschland, dass freilebende Säugetiere nur noch einen äußerst geringen Anteil von ca. 5 % der Biomasse ausmachen – ein deutliches Zeichen für die tiefgreifende Veränderung natürlicher Ökosysteme und den stetig zunehmenden Druck auf Wildtierpopulationen.
Vor diesem Hintergrund ist es Ziel dieser Petition, verbindlich festzuschreiben, dass der zukünftige Umgang mit Wildtieren konsequent auf wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Tiergesundheit, Physiologie und natürlichen Lebensansprüchen basiert. Wildtiermanagement darf sich dabei nicht länger primär an Traditionen oder Nutzungsinteressen orientieren, sondern muss sich an den biologischen Grundlagen der jeweiligen Arten ausrichten.
Insbesondere aktuelle und etablierte Forschungsergebnisse – wie die wissenschaftlichen Arbeiten zur Pansenphysiologie und Tiergesundheit unter anderem von Prof. Dr. Anke et al. (Jena) – müssen als verpflichtende fachliche Grundlage in Planung, Ausbildung, Management und gesetzliche Regelwerke integriert werden. Nur so kann gewährleistet werden, dass wildlebende Tiere unter Bedingungen existieren, die ihren natürlichen Bedürfnissen und ihrem Gesundheitsstatus gerecht werden.
Diese Petition fordert daher eine konsequente Orientierung am natürlichen Verhalten, am Stoffwechsel sowie am Gesundheitsbedarf von Wildtieren. Gleichzeitig ist eine systematische Berücksichtigung der ökologischen Funktionen von Tierarten für stabile und resiliente Ökosysteme erforderlich, insbesondere im Rahmen von Biotoppflege, Landnutzung und Landschaftsentwicklung. Es gilt anzuerkennen, dass Wildtiere zunehmend unter nicht artgerechten Bedingungen in anthropogen geprägten Räumen leben und dass daraus langfristige Schäden für Tiergesundheit und Ökosysteme entstehen können.
Darüber hinaus wird die verbindliche Umsetzung der internationalen Verpflichtungen aus der UN‑Biodiversitätskonvention von Rio 1992 auf regionaler Ebene eingefordert. Diese muss konkret, wissenschaftlich fundiert und nachvollziehbar in politische und praktische Maßnahmen im Sinne eines Schutzes durch nachhaltige Nutzung erfolgen.
Dem Freistaat Thüringen kommt hierbei eine besondere Rolle zu. Aufgrund seiner vielfältigen Landschaftsstrukturen und Artenvorkommen kann und soll Thüringen eine Vorreiterrolle für einen modernen, wissenschaftlich fundierten Wildtier- und Biodiversitätsschutz einnehmen. Ziel ist es, ökologische Zusammenhänge nachhaltig zu stärken, die Tiergesundheit langfristig zu sichern und die natürlichen Lebensgrundlagen für kommende Generationen zu erhalten.
In diesem Zusammenhang kommt staatlichen und öffentlichen Institutionen eine besondere Verantwortung zu. Sie verwalten das Gesellschaftseigentum Natur treuhänderisch und prägen durch ihr Handeln maßgeblich das gesellschaftliche Verständnis im Umgang mit Wildtieren und ihren Lebensräumen. Daraus ergibt sich eine Vorbildfunktion, die es erfordert, Entscheidungen und Maßnahmen konsequent an wissenschaftlichen Erkenntnissen, ökologischen Zusammenhängen und den natürlichen Bedürfnissen der Arten auszurichten. Ein transparenter, fachlich fundierter und verantwortungsvoller Umgang durch Behörden und öffentliche Träger kann hierbei entscheidend dazu beitragen, Vertrauen zu stärken und eine nachhaltige Entwicklung im Sinne der Biodiversität zu fördern.
Anlässlich der 22. Fachtagung Jagd und Artenschutz am 06. und 07. März 2026 wurde durch die Referenten und den Veranstalter die „Jenaer Erklärung“ formuliert. Im Sinne dieser Erklärung sowie auf ausdrücklichen Wunsch des am 13. Dezember 2025 verstorbenen Leiters der Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen e. V., Martin Görner, sollen wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur diskutiert, sondern konsequent in eine gute fachliche Praxis überführt werden.
Das Vermächtnis von Martin Görner soll dabei in der in Gründung befindlichen „Stiftung für Artenschutz und Forschung – Martin Görner“ weitergeführt werden, um wissenschaftlich fundierten Naturschutz dauerhaft zu stärken und institutionell zu verankern.
Die derzeitigen Handlungsweisen vieler landnutzender Institutionen sowie das gesellschaftliche Selbstverständnis im Umgang mit Wildtierlebensräumen und deren Arten bedürfen daher einer grundlegenden Überprüfung. Ein zukunftsfähiger Umgang mit Wildtieren kann nur dann gelingen, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse zur verbindlichen Grundlage politischen und praktischen Handelns werden.
Literaturverzeichnis
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Autorenliste – Wissenschaftliche Grundlagen Wildökologie
Prof. Dr. Manfred Anke: Arbeiten zur Mineralstoffversorgung und Spurenelementökologie; Bedeutung von Standort und Äsungsqualität für Tiergesundheit.
Prof. Dr. Walter Arnold: Forschung zu Energiehaushalt und Winterphysiologie von Wildtieren; Einfluss von Störungen.
Prof. Dr. Thomas Ruf: Energetische Anpassungen und Stoffwechselprozesse bei Wildtieren.
Prof. Dr. Susanne Reimoser: Wildökologie und Wechselwirkungen zwischen Wild und Wald.
Prof. Dr. Friedrich Reimoser: Langzeitstudien zu Wald-Wild-Systemen und Management.
Dr. Ursula Nopp-Mayr: Langzeitmonitoring und Biodiversitätsforschung.
Prof. Dr. R.R. Hofmann: Klassifikation von Wiederkäuern und Anpassung an Nahrung und Lebensräume.
Prof. Dr. Marcus Clauss: Ernährungsphysiologie von Wildwiederkäuern.
Prof. Dr. Dr. Sven Herzog: Integrative Bewertung von Wald-Wild-Beziehungen.
Dr. Michael Petrak: Verhaltensökologie und Wildtiermanagement.
Dr. Olaf Simon: Habitatnutzung und Einfluss menschlicher Nutzung auf Wildtiere.